Wie bekomme ich einen Studienplatz?

 

Die Entscheidung für das Medizinstudium steht und die Frage, die sich als nächstes aufdrängt: „Wie komme ich an einen der begehrten Plätze“?

In der Öffentlichkeit wird der Medizinstudent oft als Einserschüler gesehen. Ein Studienplatz scheint nur erreichbar, wenn das Gymnasium mit exzellentem Notenschnitt abgeschlossen wurde. Das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Es gibt viele Möglichkeiten an einen Studienplatz in Deutschland, oder im Ausland zu kommen. Im folgenden Artikel werde ich die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen.

 

Die Stiftung für Hochschulzulassung, kurz SfH, ist die zentrale Vergabestelle für Studienplätze der Fächer Medizin, Pharmazie, Tiermedizin und Zahnmedizin. Damit unterscheiden sich diese vier Fächer von den meisten anderen Studiengängen hinsichtlich des Bewerbungsverfahrens. Ein Schüler, der sich für ein Studium der BWL an der Universität Mannheim bewirbt, sendet seine Bewerbung direkt an die Uni. Im Gegensatz dazu müssen Abiturienten, die in Deutschland Medizin studieren wollen, sich über die Internetseite hochschulstart.de bewerben, eine Rangliste mit maximal 6 Universitätsorten erstellen und dann das Beste hoffen.

Ich emfand das gesamte Prozedere bei meiner Bewerbung damals sehr kompliziert und habe Stunden damit verbracht mich einzulesen, deshalb versuche ich euch im Folgenden die wichtigsten Begriffe zu erläutern.

Die SfH vergibt die Studienplätze anhand von drei Quoten:

  • Die Abiturbestenquote
  • die Wartezeitquote und
  • Ein eigenes Auswahlverfahren der Hochschulen.

 

Die Abiturbestenquote

Je Studienort werden 20% der Studienplätze an die „Abiturbesten“ vergeben. In der Praxis heißt das meist eine 1,0 als Durchschnittsnote. Aber selbst eine 1,0 sichert euch keinen Platz an eurer

Wunschuniversität. An beliebten Unis gibt es häufig viele Bewerber mit einem Schnitt von 1,0 und dann werden die Plätze unter diesen Bewerbern verlost. Ich kann euch deshalb nur raten euch nicht nur auf euer sehr gutes Abitur zu verlassen.

Die Wartezeitquote

Die Wartezeit berechnet sich nach der Zahl der halben Jahre, die seit dem Abitur vergangen sind. Davon abgezogen werden die Halbjahre, die ihr an einer deutschen Hochschule eingeschrieben gewesen seid.

Die Hochschulen vergeben 20% aller Plätze nach der Wartezeit. Zum Wintersemester 2016/17 zum Beispiel mussten Bewerber 14 Halbjahre, sprich 7 Jahre, gewartet haben, um eine Chance auf einen Platz zu erwerben.

Wichtig zu wissen ist, dass die Wartezeit nicht mit eurer Abiturnote verrechnet wird. Die Wartezeitquote berechnet sich unabhängig von eurer Note. Erst bei gleicher Wartezeit wird die Abiturnote zum Vergleich der Bewerber herangezogen. Ein Beispiel um das zu verdeutlichen:

Tanja und Martin haben beide eine Ausbildung nach dem Abitur gemacht und insgesamt 7 Jahre gewartet. Ihre Wunschuni ist die Universität Ulm. Es gibt zu viele Bewerber, die 14 Wartesemester haben, der letzte Bewerber, der noch genommen wird, hat eine Durchschnittsnote von 3,0. Tanja hatte eine 2,9 im Durchschnitt, Martin hingegen eine 3,1. Das heißt, von den beiden Bewerbern bekommt nur Tanja einen Studienplatz an der Universität Ulm.

 

Das hochschuleigene Auswahlverfahren

Die Hochschulen selbst vergeben 60% ihrer Studienplätze anhand von Kriterien, die sie selbst bestimmen. Es lohnt sich die Auswahlgrenzen des letzten Semesters als Grundlage für die eigene Rangliste heran zu ziehen. Der Trend der Unis geht weg von der alleinigen Abiturdurchschnittsnote zu einer Kombination von einem Test und der Abiturnote. Die beiden wichtigsten Tests sind der HAM-Nat (Hamburger Naturwissenschaftsteil) und insbesondere der TMS (Test für medizinische Studiengänge). Der HAM-Nat spielt im Auswahlverfahren der Charité Berlin, der Universität Hamburg und der Universität Magdeburg eine große Rolle. Der TMS spielt eine Rolle in den Auswahlverfahren der Universitäten in Bochum, Erlangen-Nürnberg, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Göttingen, Halle (Saale), Heidelberg, Heidelberg (Mannheim), Kiel, Köln, Leipzig, Lübeck, Mainz, Marburg, München, Oldenburg, Regensburg, Rostock, Tübingen, Ulm und Würzburg.

Der HAM-Nat fragt eher euer naturwissenschaftliches Grundlagenwissen ab und es ist nahezu unabdingbar sich intensiv darauf vorzubereiten. Gefragt wird euer Wissen zu medizinisch relevanten Aspekten der Fächer Physik, Mathe Chemie und Biologie im Multiple-Choice-Format. Um den TMS zu beschreiben zitiere ich die offizielle Website: Der Test für Medizinische Studiengänge (TMS) ist ein spezifischer Studierfähigkeitstest und prüft das Verständnis für naturwissenschaftliche und medizinische Problemstellungen. Mit Hilfe des Tests, der aus Untertests besteht, wird festgestellt, inwieweit der Bearbeiter komplexe Informationen, welche in längeren Texten, Tabellen oder Graphiken dargeboten werden, zu erfassen und richtig interpretieren vermag, ferner, wie gut er mit Größen, Einheiten und Formeln umgehen kann.

Des Weiteren prüft der TMS die Merkfähigkeit, die Genauigkeit der visuellen Wahrnehmung, das räumliche Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit zu konzentriertem und sorgfältigem Arbeiten. Nicht geprüft werden fachspezifische Kenntnisse.“

 

Zusammengefasst werden Fähigkeiten geprüft, die die Testentwickler als wichtig für das Medizinstudium ansehen. Auch auf diesen Test sollte man sich ausgiebig vorbereiten.

Wichtig zu wissen ist, dass der HAM-Nat beliebig oft wiederholt werden kann, der TMS hingegen kann nur einmal gemacht werden und das Ergebnis hat dauerhaft Bestand.

 

Zusätzlich können je nach Universität bestimmte Noten im Abitur doppelt zählen oder eine abgeschlossene Berufsausbildung bringt euch extra Punkte ein.

 

Das Losverfahren

Nach Abschluss dieser Zulassungsverfahren an den Hochschulen bleiben jedes Semester einige wenige Studienplätze übrig. Das hat verschiedene Gründe, etwa weil Bewerber, die einen Studienplatz erhalten haben, diesen nicht annehmen können oder wollen.

Die Universitäten entscheiden dann per Losverfahren über die Vergabe dieser „Rest“-Plätz. Ich kann euch nur empfehlen, falls ihr im regulären Verfahren keinen Studienplatz erhalten habt, euch bei allen Universitäten am Losverfahren zu bewerben. Die Chancen sind zwar gering, aber es ist vergleichsweise wenig aufwendig und insbesondere zu folgender Option kostengünstig.

 

Letzter Ausweg Ausland oder „Ostflucht“

Falls ihr in Deutschland keinen Platz bekommt, könnte der Blick gen Osten lohnenswert sein. Osteuropa ist mittlerweile für viele angehende Medizinstudenten eine echte Alternative. Einige meiner Freunde haben in Ungarn, Rumänien, Lettland oder Bulgarien studiert und sind nach dem 4. Semester nach Deutschland gewechselt.

Allerdings können diese ersten 4 Semester sehr teuer sein, da die Studienkosten für ausländische Studenten meist hoch angesetzt sind. Um in das 5. Semester nach Deutschland wechseln zu können, ist häufig eine Studienplatzklage nötig. Es gibt Kanzleien, die sich auf diese Klagen spezialisiert haben und eine hohe Erfolgschance aufweisen können, aber auch das hat seinen Preis.

 

Die Angaben sollen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern nur einen Überblick und Einblick in das komplizierte Bewerbungsverfahren geben. Genaue Informationen zu allen Bewerbungsmodalitäten finden sich auf hochschulstart.de.

 

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Zum Autor:

Andreas

 

Medizinstudent in Magdeburg im fünften Studienjahr. Verbrachte für einen Forschungsaufenthalt während seines Studiums ein Jahr in New Orleans. Fussballbegeistert.